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Sechste
Erklärung aus der Selva Lacandona
Dies
ist unser einfaches Wort, das danach sucht; die Herzen der
Menschen zu berühren, die, wie wir, bescheiden und einfach sind,
aber
auch, wie wir, würdig und rebellisch. Dies ist unser einfaches
Wort, um
darüber zu berichten, was unser Schritt gewesen ist und wo wir uns
nun
befinden, um zu erklären, wie wir die Welt und unser Land sehen,
um zu
sagen, was wir zu tun beabsichtigen und wie wir es zu tun
beabsichtigen, und um andere Menschen dazu einzuladen, mit uns
gemeinsam in etwas sehr Großem zu gehen, das sich Mexiko nennt,
und
etwas noch viel Größerem, das sich Welt nennt. Dies ist
unser einfaches
Wort, um allen Herzen, die aufrichtig und edel sind, zu erzählen,
was
wir uns in Mexiko und auf der Welt wünschen. Dies ist unser
einfaches
Wort, denn es ist unsere Idee, alle anzusprechen, die so sind wie wir,
und uns mit ihnen zu vereinen, wo auch immer sie leben und kämpfen.
I – VON DEM WAS WIR SIND
Wir sind die Zapatistas der EZLN, obwohl man uns heute auch
„Neozapatistas“ nennt. Nun gut, wir Zapatistas der EZLN haben uns im
Januar 1994 in Waffen erhoben, da wir genug hatten von so viel
Schlechtem, das von den Mächtigen ausging, die uns nur
erniedrigten,
uns beraubten, uns einsperrten und uns töteten, und niemand tat
oder
sagte etwas. Deshalb sagten wir „Ya Basta! - Es reicht!“, das
heißt,
dass wir nicht länger zulassen würden, dass sie uns
verachteten und
schlechter behandelten als Tiere. Und dann sagten wir auch, dass wir
Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Mexikaner wollten,
obwohl wir selbst uns auf die indigenen Völker konzentrieren
würden.
Denn es ist so, dass wir von der EZLN fast ausschließlich
Indígenas aus
Chiapas sind, aber wir wollten nicht nur für unser eigenes Wohl
kämpfen
oder nur für das Wohl der Indígenas von Chiapas, oder nur
für die
indigenen Völker von Mexiko, sondern wir wollten mit allen
gemeinsam
kämpfen, die bescheidene und einfache Menschen wie wir sind, und
die
sich in großer Not befinden und unter der Ausbeutung und dem Raub
der
Reichen und ihren schlechten Regierungen leiden, hier in unserem Land
Mexiko und in anderen Ländern der Welt.
Und so handelt unsere kleine Geschichte davon, dass wir die Ausbeutung
der Reichen satt hatten und uns deshalb organisierten, um uns zu
verteidigen und für Gerechtigkeit zu kämpfen. Am Anfang waren
wir nicht
viele, nur ein paar, die hin und her gingen, um mit den anderen
Menschen, die wie wir sind, zu sprechen und ihnen zuzuhören. Dies
taten
wir viele Jahre lang, und wir taten es im Geheimen, das heißt,
ohne
Aufsehen zu erregen. Das heißt, wir vereinigten unsere
Kräfte im
Stillen. So verbrachten wir 10 Jahre, und schon bald wuchsen wir und
wurden viele Tausende. Dann bereiteten wir uns gut vor mit der Politik
und den Waffen, und plötzlich, als die Reichen das Neue Jahr
feierten,
überraschten wie sie in ihre Städten, die wir einfach
einnahmen, und
sagten allen, dass wir hier sind, dass sie uns zur Kenntnis nehmen
müssen. Die Reichen waren ganz schön erschrocken und
schickten uns ihre
großen Armeen, um uns zu vernichten, wie sie es immer machen,
wenn die
Ausgebeuteten rebellieren, sie schicken ihre Armee, um alle zu
vernichten. Aber sie konnten uns nicht vernichten, weil wir uns vor dem
Krieg sehr gut vorbereitet hatten und in unseren Bergen stark geworden
waren. Und so liefen die Soldaten herum, suchten uns und schossen ihre
Bomben und Kugeln auf uns, und sie planten bereits, alle
Indígenas
umzubringen, weil sie nicht wussten, wer Zapatista war und wer nicht.
Und wir rannten und kämpften, kämpften und rannten, wie es
schon unsere
Vorfahren getan hatten. Ohne uns zu ergeben, ohne nachzugeben, ohne
besiegt zu werden.
Und dann gingen die Menschen in den Städten auf die Straße
und begannen
mit ihren Rufen, dass der Krieg aufhören sollte. Und dann stoppten
wir
unseren Krieg und hörten diesen Brüdern und Schwestern aus
der Stadt
zu, die uns sagten, wir sollten versuchen, eine Einigung zu erzielen,
das heißt eine Vereinbarung mit den schlechten Regierungen, um
das
Problem ohne Töten zu lösen. Und wir hörten auf die
Menschen, denn
diese Menschen sind, wie wir sagen, “das Volk”, das heißt, das
mexikanische Volk. Also legten wir das Feuer beiseite und ergriffen das
Wort.
Und schließlich sagten die Regierungen, dass sie sich gut
benehmen
würden, dass sie zu einem Dialog und zu Vereinbarungen bereit
seien und
diese erfüllen würden. Und wir sagten, dass das gut
wäre, aber dass es
auch gut wäre, diese Menschen kennenzulernen, die auf die
Straße
gegangen waren, um den Krieg zu beenden. Deshalb sprachen wir,
während
wir mit den schlechten Regierungen Dialog führten, auch mit diesen
Menschen, und wir sahen, dass die meisten von ihnen bescheidene und
einfache Menschen waren wie wir, und dass wir beide gut verstanden,
warum wir kämpften, das heißt, sie und wir. Und diese
Menschen nannten
wir „Zivilgesellschaft“, weil die Mehrheit von ihnen keiner politischen
Partei angehörte, sondern ganz normale Menschen waren, wie wir,
einfache und bescheidene Menschen.
Aber es stellte sich heraus, dass die schlechten Regierungen kein gutes
Abkommen wollten, sondern dass es nur eine Täuschung von ihnen war
zu
sagen, dass wir reden und eine Vereinbarung treffen sollten, und dass
sie inzwischen ihre Angriffe vorbereiteten, um uns ein für allemal
auszuschalten. Und so griffen sie uns mehrmals an, aber sie besiegten
uns nicht, denn wir leisteten Widerstand und viele Menschen auf der
ganzen Welt mobilisierten sich. Und so dachten sich die schlechten
Regierungen, dass es ein Problem ist, dass viele Menschen aufmerksam
sind und schauen, was mit der EZLN geschieht, und so machten sie den
Plan, so zu tun, als würde nichts geschehen. Und in der
Zwischenzeit
umzingelten sie uns, belagerten uns und hofften, dass uns die Menschen
vergessen würden, da unsere Berge sehr zurückgezogen sind und
das Land
der Zapatistas weit weg liegt. Und immer wieder versuchten die
schlechten Regierungen, uns zu täuschen oder uns anzugreifen, wie
im
Februar 1995, als sie uns eine große Menge Soldaten schickten,
aber sie
besiegten uns nicht. Denn wir waren, heißt es, nicht allein,
viele
Menschen unterstützten uns, und wir leisteten gut Widerstand.
Und so mussten die schlechten Regierungen mit der EZLN Vereinbarungen
schließen, und diese Vereinbarungen heißen „Vereinbarungen
von San
Andrés“, denn San Andrés heißt der Ort, wo diese
Vereinbarungen
unterzeichnet wurden. Und in diesen Gesprächen waren es nicht wir
allein, die mit denen von der schlechten Regierung sprachen, sondern
wir luden viele Menschen und Organisationen dazu ein, die für die
Indiovölker Mexikos kämpften und kämpfen, und alle
sprachen ihr Wort,
und alle gemeinsam vereinbarten wir, was wir den schlechten Regierungen
sagen würden. So war dieser Dialog, es waren nicht nur die
Zapatistas
auf der einen Seite und die schlechten Regierungen auf der anderen,
sondern auf der Seite der Zapatistas waren auch die Indiovölker
Mexikos
und ihre Unterstützer. Und so sagten die schlechten Regierungen in
diesen Vereinbarungen, dass sie die Rechte der Indiovölker Mexikos
anerkennen und ihre Kultur respektieren würden, und dass sie all
das
als Gesetz in der Verfassung verankern würden. Aber nachdem sie
die
Vereinbarung schon unterzeichnet hatten, taten die schlechten
Regierungen so, als hätten sie sie vergessen, und es vergingen
viele
Jahre, ohne dass diese Vereinbarungen erfüllt wurden. Im
Gegenteil, die
Regierung griff die Indígenas an, um zu erwirken, dass sie in
ihrem
Kampf zurückgehen würden, wie am 22. Dezember 1997, als
Zedillo den
Mord an 45 Männern, Frauen, alten Leuten und Kindern im Dorf
ACTEAL in
Chiapas beauftragte. Dieses schlimme Verbrechen kann nicht leicht
vergessen werden und zeigt, wie die schlechten Regierungen in ihrem
Herzen nicht zögern, diejenigen, die sich gegen die
Ungerechtigkeiten
auflehnen, anzugreifen und zu töten. Und während all das
geschah,
versuchten wir Zapatistas, die Erfüllung der Vereinbarungen von
San
Andrés zu erreichen, und leisteten in den Bergen des
mexikanischen
Südostens Widerstand.
Und dann begannen wir, mit anderen Indiovölkern Mexikos und ihren
Organisationen zu sprechen, und wir vereinbarten mit ihnen, dass wir
gemeinsam für die gleiche Sache kämpfen wollten, nämlich
für die
Anerkennung der Rechte und Kultur der Indígenas. Dabei
unterstützten
uns auch viele Menschen aus der ganzen Welt und hochrespektierte
Personen, deren Wort groß ist, weil sie große
Intellektuelle, Künstler
und Wissenschaftler Mexikos und der ganzen Welt sind. Wir führten
auch
internationale Treffen durch, das heißt wir trafen mit Menschen
aus
Amerika und aus Asien und aus Europa und aus Afrika und aus Ozeanien,
um mit ihnen zu sprechen, und wir lernten ihre Kämpfe und ihre Art
kennen, und wir nannten das „intergalaktische“ Treffen, um witzig zu
sein und weil wir auch die von anderen Planeten eingeladen hatten, aber
wie es scheint, ist von denen niemand gekommen, und wenn doch, dann
haben sie das nicht klar gesagt.
Aber wie auch immer, die schlechten Regierungen hielten sich nicht an
ihr Wort, und so machten wir einen Plan, um mit den vielen Mexikanern
zu sprechen, die uns unterstützten. Und so unternahmen wir
zunächst
1997 eine Reise nach Mexiko Stadt, die hieß “Der Marsch der
1111”, denn
es nahmen jeweils ein Compañero oder eine Compañera aus
jedem
zapatistischen Dorf daran teil, aber die Regierung beachtete uns nicht.
Und dann, 1999, führten wir eine Befragung im ganzen Land durch,
die
zeigte, dass die Mehrheit der Menschen mit den Forderungen der
Indiovölker einverstanden ist, aber die schlechten Regierungen
beachteten uns wieder nicht. Und schließlich führten wir
2001 den so
genannten “Marsch für die indigene Würde” durch, der von
Millionen
Menschen aus Mexiko und anderen Ländern unterstützt wurde und
dorthin
führte, wo die Abgeordneten und Senatoren sitzen, also zum
Kongress, um
die Anerkennung der mexikanischen Indígenas zu fordern.
Aber es zeigte sich, dass die Politiker der Partei PRI, der Partei PAN
und der Partei PRD sich untereinander absprachen und die Rechte und die
Kultur der Indígenas einfach nicht anerkannten. Das war im April
2001,
wo die Politiker deutlich zeigten, dass sie keinerlei Anstand haben und
unverschämte Leute sind, die nur daran denken, wie sie ihre
Reichtümer
vergrößern können, wie schlechte Regierende, die sie
sind. Das darf man
nicht vergessen, denn Sie werden schon sehen, dass sie jetzt wieder
sagen werden, dass sie die indigenen Rechte anerkennen werden, aber es
ist eine Lüge von ihnen, die sie verbreiten, damit wir unsere
Stimme
für sie abgeben, aber sie hatten ihre Chance und haben sie nicht
genutzt.
Und da sahen wir also, dass Dialog und Verhandlung mit den schlechten
Regierungen Mexikos umsonst gewesen waren. Das heißt, dass es
nichts
bringt, mit den Politikern zu sprechen, denn weder ihr Herz noch ihr
Wort ist ehrlich, sondern sie sind verquer und verbreiten Lügen,
wie
dass sie sich an Vereinbarungen halten würden, aber das tun sie
nicht.
Das heißt, dass die Politiker der PRI, der PAN und der PRD an dem
Tag,
als sie ein Gesetz beschlossen, das nichts taugt, gleichzeitig den
Dialog töteten und deutlich sagten, dass es ihnen egal ist, was
sie
vereinbaren und unterzeichnen, denn ihr Wort ist nichts wert. Also
beendeten wir den Kontakt mit den föderativen Gewalten, denn uns
wurde
klar, dass der Dialog und die Verhandlung wegen diesen politischen
Parteien gescheitert waren. Wir sahen, dass ihnen das Blut, der Tod,
das Leid, die Mobilisierungen, die Befragungen, die Anstrengungen, die
nationalen und internationalen Erklärungen, die Treffen, die
Vereinbarungen, die Unterzeichnungen, die Verpflichtungen egal waren.
Damit verschloss die politische Klasse nicht nur wieder einmal den
indigenen Völkern die Tür, sondern versetzte auch einer
friedlichen
Lösung des Konflikts auf Basis von Verhandlungen und Dialog den
Todesstoß. Jetzt kann man ihnen nicht mehr glauben, dass sie
irgendein
Abkommen mit irgendjemandem einhalten. Achten Sie darauf, damit Sie aus
unserer Erfahrung lernen können.
Also betrachteten wir all das und dachten in unseren Herzen
darüber
nach, was wir tun könnten.
Und als erstes sahen wir, dass unser Herz nicht mehr war wie
früher,
als wir den Kampf begannen, sondern dass es gewachsen war, denn wir
hatten das Herz vieler guter Menschen berührt. Und wir sahen auch,
dass
unser Herz verletzter, also verwundeter war. Und es war nicht
verwundeter, weil uns die schlechten Regierungen hereingelegt hatten,
sondern weil wir, als wir die Herzen Anderer berührten, auch ihre
Schmerzen berührten. Es war, als würden wir uns in einem
Spiegel sehen.
II.- WO WIR JETZT SIND
Also dachten wir Zapatistas, dass es nicht genug sein, den Dialog mit
der Regierung abzubrechen, sondern dass der Kampf fortgesetzt werden
müsse trotz jener faulen Parasiten, die die Politiker sind. Die
EZLN
beschloss also, allein und von ihrer Seite, die (entsprechend
„unilaterale“, weil nur einseitige) Erfüllung der Vereinbarungen
von
San Andrés über die Rechte und Kultur der Indígenas.
Vier Jahre lang,
seit Mitte 2001 bis Mitte 2005, haben wir uns dieser Aufgabe gewidmet,
und auch anderen Aufgaben, die wir Ihnen nennen möchten.
Nun, also begannen wir, die rebellischen autonomen Zapatista-Bezirke
aufzubauen. So organisierten sich die Völker, um zu regieren und
sich
selbst zu regieren, und um stärker zu werden. So ist die autonome
Regierung nicht etwa eine Erfindung der EZLN, sondern sie ist aus
mehreren Jahrhunderten indigenen Widerstands und aus der zapatistischen
Erfahrung selbst gewachsen und ist wie eine Selbstregierung der
Gemeinden. Das heißt, es kommt keiner von draußen und
regiert, sondern
die Völker entscheiden selbst unter sich, wer regiert und wie
regiert
wird, und wenn der Regierende nicht gehorcht, wird er abgesetzt. Das
heißt, wenn der, der regiert, dem Volk nicht gehorcht, wird er
als
Autorität abgesetzt und jemand anders übernimmt.
Aber dann sahen wir, dass die autonomen Bezirke nicht alle die gleichen
Bedingungen hatten, sondern das ein Teil weiter war und mehr
Unterstützung von der Zivilgesellschaft bekam, während andere
mehr
vergessen wurden. Es musste also etwas organisiert werden, um das
anzugleichen. Und wir sahen auch, dass sich der für das
Politisch-Militärische der EZLN zuständige Teil in die
Entscheidungen
einmischte, die eigentlich Aufgabe der demokratischen Autoritäten
waren, die „zivil“ genannt werden. Hier ist das Problem, dass der
politisch-militärische Teil der EZLN nicht demokratisch ist, denn
es
ist eine Armee, und wir sahen, dass es nicht gut ist, dass an der
Spitze das Militärische steht und unten das Demokratische, denn
das
Demokratische darf nicht militärisch entschieden werden, sondern
umgekehrt: oben sollte das Demokratische politisch regieren und unten
das Militärische gehorchen. Oder vielleicht noch besser, dass es
kein
unten gibt, sondern alles auf einer Ebene ist, ohne Militär,
deswegen
sind die Zapatistas Soldaten, damit es keine Soldaten mehr gibt. Gut,
aber um dieses Problem zu lösen, begannen wir, das
Politisch-Militärische von den autonomen und demokratischen
Organisationsformen der zapatistischen Gemeinden zu trennen. Und so
wurden Aktionen und Entscheidungen, die zuvor Aufgabe der EZLN gewesen
waren, nach und nach auf demokratisch gewählte Verteter der
Völker
übertragen. Das ist natürlich leicht gesagt, aber in der
Praxis schwer
umzusetzen, denn es dauert viele Jahre, erst die Kriegsvorbereitung und
dann der Krieg selbst, und man gewöhnt sich an das
Politisch-Militärische. Aber wie auch immer, wir haben es
umgesetzt,
weil so unsere Art ist, das, was wir sagen, tun wir auch, denn wenn
nicht, warum sollten wir es dann sagen, wenn wir es dann nicht tun.
Und so entstanden die Juntas der Guten Regierung im August 2003, und
mit ihnen ging der Prozess des Selbst-Lernens und der Ausübung des
Prinzips des „gehorchend Regierens“ weiter.
Seitdem und bis Mitte 2005 gab die Führung der EZLN keine
Anordnungen
mehr in zivilen Angelegenheiten, aber sie begleitete und
unterstützte
die demokratisch von den Völkern gewählten Vertreter und
achtete
außerdem darauf, dass die Völker und die nationale und
internationale
Zivilgesellschaft immer gut darüber informiert wurden, welche
Unterstützungen ankamen und was damit geschah. Und so ging die
Aufgabe
der Beaufsichtigung der Guten Regierung auf die zapatistischen
Unterstützungsbasen über, mit zeitlich begrenzter
Übernahme von
Verantwortung, so dass alle Männer und Frauen lernen, diese
Aufgabe zu
übernehmen. Denn wir denken, dass ein Volk, das seine Regierung
nicht
beaufsichtigt, zur Sklaverei verdammt ist, und wir kämpfen
dafür, frei
zu sein und nicht dafür, aller sechs Jahre den Sklavenhalter zu
wechseln.
Die EZLN hat in diesen 4 Jahren auch die Unterstützungen und die
Kontakte in Mexiko und in die ganze Welt an die Juntas der Guten
Regierung und die Autonomen Bezirke übergeben, die in diesen
Jahren des
Krieges und Widerstandes erreicht wurden. Außerdem baute die EZLN
in
dieser Zeit eine wirtschaftliche und politische Unterstützung auf,
die
es den zapatistischen Gemeinden ermöglicht, mit weniger
Schwierigkeiten
in der Schaffung ihrer Autonomie und der Verbesserung ihrer
Lebensbedingungen voranzukommen. Das ist nicht viel, aber immerhin viel
mehr, als es vor dem Aufstand im Januar 1994 gab. Wenn Sie sich eine
der Studien, die die Regierungen durchführen, anschauen, werden
Sie
sehen, dass die einzigen indigenen Gemeinden, deren Lebensbedingungen
sich verbessert haben, was Gesundheitsversorgung, Bildung,
Wohnsituation betrifft, diejenigen sind, die sich auf zapatistischem
Gebiet befinden, das heißt, wie wir sagen, wo unsere Völker
sind. Und
all das war möglich durch das Vorangehen der zapatistischen
Dörfer und
die sehr große Unterstützung, die von guten und edlen
Menschen kam, die
wir „Zivilgesellschaften“ nennen, und von ihren Organisationen auf der
ganzen Welt. Als wenn all diese Menschen das „eine andere Welt ist
möglich“ wahr gemacht hätten, aber mit Taten und nicht nur
mit bloßen
Worten.
Und so haben die Völker gute Fortschritte gemacht. Jetzt sind es
mehr
Compañeros und Compañeras, die lernen, Regierung zu sein.
Außerdem,
wenn auch nach und nach, nehmen immer mehr Frauen an der Arbeit teil,
aber es fehlt noch manchmal an Respekt gegenüber den
Compañeras und der
Bereitschaft, sie in die Aufgaben des Kampfes einzubeziehen. Und dann
hat sich mit den Juntas der Guten Regierung auch die Koordinierung der
Autonomen Bezirke untereinander und die Lösung von Problemen mit
anderen Organisationen und mit den offiziellen Behörden
verbessert. Und
auch die Projekte in den Gemeinden haben sich verbessert, Projekte und
Unterstützungen, die von der Zivilgesellschaft der ganzen Welt
kommen,
werden gerechter verteilt: Gesundheitsversorgung und Bildung haben sich
verbessert, obwohl es noch lange nicht ideal ist, ebenso was
Wohnsituation und Ernährung betrifft, und in einigen Gebieten hat
sich
das Landproblem entschärft, da die wiedergewonnenen
Ländereien und
Fincas aufgeteilt wurden, aber es gibt immer noch Gebiete, denen es an
Land zum Anbauen mangelt. Und es hat sich auch die Unterstützung
der
nationalen und internationalen Zivilgesellschaft verbessert, denn
vorher ging jeder dahin, wo er gerade hinwollte, aber jetzt schicken
die Juntas der Guten Regierung die Leute dahin, wo sie am dringendsten
gebraucht werden. Und aus demselben Grund lernen immer mehr
Compañeros
und Compañeras überall, mit den Menschen aus anderen Teilen
Mexikos und
der Welt umzugehen, sie lernen, zu respektieren und Respekt
einzufordern, sie lernen, dass es viele Welten gibt und alle ihren
Platz, ihre Zeit und ihre Art haben, und dass so gegenseitiger Respekt
unter allen Menschen herrschen muss.
Nun, wir, die Zapatistas der EZLN, widmen uns derzeit unserer
größten
Kraft, nämlich den Völkern, die uns unterstützen. Und
ein wenig hat
sich die Situation schon verbessert, das heißt, es gibt
niemanden, der
sagt, die zapatistische Organisation und der zapatistische Kampf seien
umsonst gewesen, sondern dass, auch wenn sie uns alle umbringen, unser
Kampf doch etwas genützt hat.
Aber nicht nur die zapatistischen Völker sind gewachsen, sondern
auch
die EZLN. Denn in dieser Zeit wurde unsere gesamte Organisation von
neuen Generationen erneuert. Oder anders ausgedrückt, sie gaben
ihr
neue Kraft. Die Comandantes und Comandantas, die zu Beginn des
Aufstandes 1994 im Erwachsenenalter waren, haben heute die Weisheit,
die sie in 12 Jahren des Krieges und des Dialoges mit Tausenden
Menschen und Frauen auf der ganzen Welt gewonnen haben. Die Mitglieder
des CCRI, der zapatistischen politisch-organisatorischen Leitung,
beraten und orientieren nun die Neuen, die unserem Kampf beigetreten
sind, und die, die leitende Positionen übernehmen werden. Seit
geraumer
Zeit haben die „Komitees“ (wie wir sie nennen) eine neue Generation von
Comandantes und Comandantas vorbereitet, die nach einer Zeit der
Ausbildung und der Probe beginnen, die organisatorischen Aufgaben der
Befehlsgewalt kennenzulernen und auszuführen. Und unsere
aufständischen
Männer und Frauen, die Männer und Frauen der Milizen, die
lokalen und
regionalen Verantwortlichen und die Unterstützungsbasen, die zu
Beginn
des Aufstandes Jugendliche waren, sind heute reife Männer und
Frauen,
Kampfveteranen und Respektpersonen in ihren Einheiten und Gemeinden.
Und die, die in jenem Januar 1994 Kinder waren, sind nun Jugendliche,
die im Widerstand gewachsen sind und in der würdigen Rebellion von
den
Erwachsenen in diesen 12 Jahren des Krieges erzogen wurden. Diese
Jugendlichen haben eine politische, technische und kulturelle Bildung
erfahren, die wir, die wir die zapatistische Bewegung ins Leben riefen,
nicht hatten. Diese Jugend bereichert heute mehr und mehr unsere
Truppen und besetzt auch immer mehr Führungspositionen der
Organisation. Und, nun, wir alle haben die Täuschungen der
mexikanischen Politklasse und die Zerstörungen, die ihre Aktionen
in
unserem Land hervorrufen, gesehen. Und wir haben die großen
Ungerechtigkeiten und Verbrechen gesehen, die die neoliberale
Globalisierung auf der ganzen Welt verübt. Aber dazu sagen wir
Ihnen
später etwas.
So hat die EZLN in den 12 Jahren des Krieges, der militärischen,
politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Angriffe, der
Belagerung, der Feindseligkeiten, der Verfolgung, Widerstand geleistet,
und sie haben uns nicht besiegt, wir haben uns weder verkauft noch
ergeben, und wir haben Fortschritte gemacht. Viele Compañeros
aus
vielen Orten haben sich dem Kampf angeschlossen, so dass wir, anstatt
nach so vielen Jahren schwächer zu werden, stärker werden.
Sicher gibt
es Probleme, die gelöst werden können, indem das
Politisch-Militärische
vom Zivilen-Demokratischen besser getrennt wird. Aber es gibt Ziele,
die wichtigsten, wie unsere Forderungen, für die wir kämpfen,
die nicht
völlig erreicht worden sind.
Nach unserem Ermessen und dem, was wir in unserem Herzen sehen, sind
wir an einem Punkt angekommen, an dem wir nicht weiterkommen
können,
und an dem wir außerdem alles verlieren könnten, was wir
haben, wenn
wir so bleiben, wie wir sind und nichts mehr tun, um weiter
fortzuschreiten. Das heißt, dass der Moment gekommen ist, wieder
alles
zu riskieren und einen gefährlichen Schritt zu wagen, der es aber
wert
ist. Denn vielleicht können wir vereint mit anderen sozialen
Sektoren,
die unter den gleichen Entbehrungen wie wir leiden, das erreichen, was
wir brauchen und was wir wert sind. Ein neuer Schritt nach vorn im
indigenen Kampf ist nur möglich, wenn sich der Indígena
zusammenschließt mit den Arbeitern, Bauern, Studenten, Lehrern,
Angestellten … also mit den Arbeitern aus Stadt und Land.
(Fortsetzung folgt ...)
Aus den Bergen des mexikanischen Südostens.
Das Geheime Revolutionäre Indigene Komitee – Generalkommandantur
der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung.
Mexiko, im sechsten Monat des Jahres 2005.
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